Fotonachweis: Charo Amador
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Stillen in der Öffentlichkeit – immer noch nicht selbstverständlich

Stillen im Park, im Freibad, im Einkaufszentrum, im Café – alles kein Problem. Stillen bedeutet, sein Baby zu ernähren und muss daher selbstverständlich überall möglich sein. Das dachte ich zumindest, bevor ich anlässlich der aktuell stattfindenden Weltstillwoche zum Thema recherchierte.  Eigene Erfahrungswerte habe ich dazu kaum, denn meine Kinder wurden allesamt Zwiemilch-ernährt. Nach 5 Minuten Googeln folgte die Ernüchterung. Es ist tatsächlich doch ein Problem, in Restaurants und Co zu stillen. Und zwar deshalb weil Stillen in der Öffentlichkeit in Deutschland zwar nicht verboten aber auch nicht ausdrücklich erlaubt ist.

Kein Gesetz zum Schutz stillender Mütter

Anders ausgedrückt: Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gibt es hierzulande kein Gesetz, das stillende Mütter in der Öffentlichkeit schützt. Obwohl genau das der Deutsche Hebammenverband schon seit Jahren fordert. Es kann einer stillende Mutter in einem Restaurant also durchaus passieren, dass ein Gastwirt von seinem Hausrecht Gebrauch macht und das Stillen in seinen Räumen untersagt. Dazu kann es kommen, wenn sich Gäste durch den Stillvorgang bzw. die entblößte Brust gestört fühlen. 

Das finde ich absolut unglaublich. Sowohl, dass es kein Gesetz gibt als auch, dass sich Menschen durch Stillende gestört fühlen. Ebenfalls unglaublich ist der Fakt, dass das Anliegen des Deutschen Hebammenverbandes, hier eine gesetzliche Grundlage zu schaffen, bisher kaum Unterstützung fand. 

Die Gesellschaft sensibilisieren

„Unsere langjährige Erfahrung zeigt, dass Stillen in der Öffentlichkeit umso stärker akzeptiert wird, je mehr Wissen über kindliche Bedürfnisse und die Vorteile des Stillens verbreitet ist“, sagt Sibylle Zavala, 1. Vorsitzende von La Leche Liga Deutschland (LLL) e.V. Zusammen mit dem „Netzwerk Gesund ins Leben“ macht sich die Liga für selbstverständliches Stillen in der Öffentlichkeit stark. An der Brust werde nicht nur Hunger, sondern auch das Grundbedürfnis nach Geborgenheit auf natürlichste Weise gestillt, so Zavala. Ziel müsse es deshalb sein, in der Gesellschaft Verständnis dafür zu schaffen, dass stillende Mütter kindgerecht und gesundheitsfördernd auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen. „Und das sollte immer und überall willkommen sein“, ergänzt sie.

Wie stillfreundlich ist Deutschland?

Verbände und Organisationen kämpfen schon seit Jahren dafür, das Deutschland stillfreundlicher wird. In jüngster Zeit scheint darüber hinaus etwas Schwung ins Thema zu kommen. Das liegt daran, dass sich in den letzten Jahren mehrere Studien mit der Frage befassten, wie stillfreundlich Deutschland eigentlich ist. Darunter war auch eine eine internationale Studie. Das Ergebnis? Wäre als Schulnote wohl eine 3. Länder wie Großbritannien und Australien schneiden in punkto Stillfreundlichkeit deutlich besser ab. Deutschland hat übrigens nicht nur ein sondern gleich mehrere Probleme mit dem Thema Stillen. Abgesehen von mangelnden gesetzlichen Grundlagen wird hierzulande auch einfach zu wenig und zu kurz gestillt. Die Bundesregierung beschloss deshalb, eine Nationale Stillstrategie zur Stillförderung auf den Weg zu bringen. Sie soll sich um „verbesserte Rahmenbedingungen“ kümmern. 

Mal sehen, was daraus wird. Bis sich hier etwas verändert, heißt es deshalb für alle Stillenden: Lasst Euch nicht ins Bockshorn jagen und zeigt Flagge! So wie Schauspielerin Nina Bott, die infolge des Stillens ihres jüngsten Kindes gebeten wurde, ein Hamburger Café zu verlassen. Bott stillte auf der Straße weiter. Und gab anschließend mehrere Interviews zum Erlebten. Was dem Café-Besitzer jede Menge negative Publicity bescherte. 

Stillen in der Öffentlichkeit – Übung macht den Meister

„Grundsätzlich gilt: stillende Mütter brauchen sich nicht zu verstecken“, sagt Sibylle Zavala von LLL. Um mit einem Stillkind selbstbewusst in die Öffentlichkeit zu gehen, könne es helfen, zuvor schon in stillfreundlicher Umgebung gewesen zu sein. An Orten wie in Stillgruppen. Wo Stillen völlig normal ist und Mütter emotional gestärkt werden. „Darüber hinaus liegt es bei den Menschen im Umfeld der stillenden Mutter, eine respektvolle, empathische Atmosphäre zu schaffen“, so Zavala.

Diesem Appell schließe ich mich uneingeschränkt an. Egal ob im Café, auf der Parkbank oder an der Bushaltestelle: In der Öffentlichkeit zu stillen muss schlicht und ergreifend zur normalsten Sache der Welt werden! Und dazu gehört auch ein Gesetz, das das untermauert.

Mutter von Vieren und brennt als solche für Familienthemen, schreibt gern, arbeitet im Online-Marketing, ist Multitasking-geübt, mag Sci-Fi, hasst Rosenkohl, ist beim FamilienHaus Unterföhring e.V. für den Bereich Presse zuständig, aufgewachsen in Nordhessen, beheimatet im schönen Unterföhring in Bayern.

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