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Übertritt in Bayern – Wie aus dem Schulwechsel purer Stress wird

Aus gegebenem Anlass schreibe ich heute einen Blog-Beitrag zum Thema Übertritt in Bayern. Kind Nummer 3 kommt nach den Sommerferien in die 5. Klasse und in Sachen Noten geht es deshalb seit einigen Monaten um die Wurst. Ich hatte das „Vergnügen“ bereits früher und weiß wieviel Stress das für alle Beteiligten bedeutet. Trotzdem: Ich plädiere dringend an alle Eltern, gelassen zu bleiben! Nein, die Welt geht nicht unter, wenn der Junior nicht aufs Gymnasium geht. Und auch die Mittelschule kann durchaus genau der richtige Weg sein!

Nachdem wir schon zwei Kinder auf der weiterführenden Schule haben, bekomme ich aktuell zum dritten Mal mit, wie sich Kinder unter großem Stress abrackern und welchen Erwartungsdruck viele Eltern aufbauen. Unter anderem habe ich folgendes erlebt: Als Kind Nr. 1 soweit war, versprachen die Eltern einer seiner Klassenkameradinnen ihrer Tochter einen Hund, wenn sie nur bloß den Schnitt fürs Gymnasium schafft. Als ein Jahr später meine Tochter in der vierten Klasse war, erzählte sie mir des Öfteren, dass ihre Klassenkameraden weinten, wenn sie eine schlechte Note (ab 3 aufwärts) zurückbekamen.

Ein Beispiel an den Eltern nehmen?

Was mir bei dem Thema immer wieder auffällt: Es geht viel zu wenig darum, was das Beste für das jeweilige Kind ist. Stattdessen werden eigene Wünsche oder Erwartungen auf den Nachwuchs projiziert. „Dein Vater hat Abitur, ich habe Abitur, Dein Bruder geht aufs Gymnasium – also kommt auch für Dich nichts anderes in Frage!“. Diese Ansicht ist weiter verbreitet, als man glauben mag – zumindest in meinem Umfeld. Ebenso das Pendant: „Ich habe eine Ausbildung gemacht. Auch Du siehst bitte zu, dass Du so schnell wie möglich Geld verdienst!“ Solche Aussagen sind alles andere als zielführend! Vor allem, wenn sie sich an 10-jährige richten, die überhaupt keine Vorstellung davon haben, was sich hinter „Abitur“ oder „Ausbildung“ eigentlich verbirgt!

Was auch gerne von Eltern übersehen wird. Eine Entscheidung ist keine Entscheidung für die Ewigkeit. An der Mittelschule lässt sich auch die Mittlere Reife machen. Und nach der Realschule kommt vielleicht anschließend die FOS infrage.

Wichtig für Eltern von Kindern, die den einen oder anderen Schnitt „gerade so“ erreicht haben: Ich habe immer noch die Aussage einer Beratungslehrerin zum Thema Übertritt im Ohr, die vor einigen Jahren auf einem Elternabend über mögliches Scheitern und einem damit verbundenen, erneuten Schulwechsel sprach: „Rauf ist für die Kinder kein Problem – runter bedeutet einen Knacks für das Ego“, sagte sie.

Abgesehen davon, dass die Lehrerin inhaltlich mit Sicherheit recht hatte, musste ich bei den Worten „rauf“ und „runter“ ziemlich schlucken. Dass sie die Worte überhaupt benutzte, zeigt nur, wie tief verankert Schubladen-Denken in unserer Gesellschaft ist, wenn es um das Schulsystem geht. Ohnehin wird in den meisten Bundesländern unnötig früh selektiert, indem die Entscheidung für eine der drei Schulformen bereits nach der 4. Klasse gefällt werden muss. Und auch in Sachen Bildungsgerechtigkeit hinken wir im EU-Vergleich ganz schön hinterher.

Sonder-Erschwernis Corona

Erschwerend kommt auch in diesem Jahr wieder die Corona-Problematik hinzu. Mein Eindruck: Auf häufiges Fehlen der Schüler oder der Lehrkräfte (Stichwort Quarantäne) und dadurch erschwertes Lernen wird wenig Rücksicht genommen. Am Schnitt für den Übertritt (2,33 fürs Gymnasium, 2,66 für die Realschule) wurde nicht gerüttelt. Warum eigentlich nicht? Vergleichbar mit den Jahrgängen vor Corona sind die Jahrgänge 2020, 2021 und 2022 wohl kaum. Auch wenn Politiker immer wieder so getan haben. Über das schulpolitische Versagen während der Pandemie habe ich mich allerdings schon an anderer Stelle aufgeregt – heute habe ich dazu keine Lust.

Und bei uns?

Für meinen Sohn haben wir nach einigem Hin und Her – erschwerend kam hinzu, dass er keine Präferenz hatte, entschieden. Wie, verrate ich Euch nicht. Nur, dass wir ihn nicht unter Druck gesetzt haben. Und dass wir vor unserer Entscheidung mit der Lehrerin sprachen, diverse Elternabende besuchten und die Homepages der in Frage kommenden Schulen durchforsteten. In ein paar Monaten haben wir drei Kinder in zwei unterschiedlichen Schulformen. Was innerfamiliär in jedem Fall die Toleranz fördert, denn ein „Herumhacken auf der Schule des jeweils Anderen“ lassen wir schon jetzt nicht zu.

Mehr zum Thema Übertritt in Bayern findet Ihr hier:

Und hier noch etwas zum Stress durch Corona:

Mutter von Vieren und brennt als solche für Familienthemen, schreibt gern, arbeitet im Online-Marketing, ist Multitasking-geübt, mag Sci-Fi, hasst Rosenkohl, ist beim FamilienHaus Unterföhring e.V. für den Bereich Presse zuständig, aufgewachsen in Nordhessen, beheimatet im schönen Unterföhring in Bayern.

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