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Familienalltag,  Lernen und Medien

Mit Kindern durch die Omikron-Welle

Die Schulen müssen offen bleiben – da sind sich seit Monaten die Kultusminister der Länder einig. Auch die Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger schlägt in diese Kerbe. Mir kommt bei diesem Mantra so langsam die Galle hoch – weil es an der Realität völlig vorbeigeht. Mit Kindern heil durch die Omikron-Welle kommen? Funktioniert nicht!

Präsenzunterricht als beste und gerechteste Form der Bildung?

Vor ein paar Tagen verteidigte Stark-Watzinger in der Welt am Sonntag die Offenhaltung der Schulen. „Corona ist eine Belastung für uns alle und die Familien im besonderen Maße. Präsenzunterricht ist unter diesen Bedingungen nicht schön, aber die beste und gerechteste Form der Bildung“, so steht es anschließend auf dem Twitter-Kanal des Bundesbildungsministeriums.

Was soll ich sagen. Präsenzunterricht ist unter diesen Bedingungen tatsächlich „nicht schön“. Und ich habe außerdem große Zweifel daran, ob es aktuell die beste und gerechteste Form der Bildung ist. Ich als Mutter von 3 schulpflichtigen Kindern und einem Kita-Kind nehme gerade folgendes wahr:

  • Über das, was an unseren Schulen und Kitas passiert (nämlich eine Durchseuchung) wird viel zu wenig geredet.
  • Wenn darüber gesprochen wird, dann wird die Gefahr für Kinder klein geredet („Kinder erwischt es ja nicht so schlimm!“).

An den Schulen und Kitas steppt schon längst der Corona-Bär. Kontrolle über das, was hier geschieht, hat niemand mehr. Dabei passiert auch Kurioses. Vergangene Woche gab es zunächst Informationen der Schule über das Vorgehen bei mehreren Corona-Fällen in einer Klasse: Ab in Quarantäne. Einen Tag später kassierte das Bayerische Kultusministerium die Aussage wieder ein. Über Quarantäne von Kontaktpersonen entscheide nicht die Schule sondern das (völlig überlastete) Gesundheitsamt. Da fasst man sich als Elternteil, ehrlich gesagt, nur noch an den Kopf.

Die ganze verrückte Story zum Nachlesen findet Ihr bei BR 24.

Kürzlich schrieb ich im Blog etwas über die rote Warn-App meines Sohnes und darüber, wie in der Schule zunächst Ratlosigkeit darüber herrschte, was deswegen zu tun ist. Inzwischen ist die App quasi dauerhaft rot. Sowohl bei meinen Söhnen als auch bei meiner Tochter.

Schule gibt aktuell keine Stabilität

In den letzten 14 Tagen gab es in den Klassen und in der Kita-Gruppe meiner Kinder insgesamt 4 bestätigte Corona-Fälle. Und das ist noch relativ wenig – wenn man sich die aktuelle Inzidenz im Landkreis München von knapp 3000 in der Altersgruppe der 5-14 jährigen anschaut. Die Omikron-Welle macht natürlich auch vor den Erwachsenen nicht halt – weshalb der Unterricht meiner Kinder oft ausfällt oder von Vertretungslehrern übernommen wird. Hat das Kind Schnupfen oder Bauchweh, lässt man es sicherheitshalber daheim – auch wenn der Selbsttest negativ ist. Auch Quarantänen sind an der Tagesordnung. Und das sind nur die Probleme, die sich auf Unterrichtsausfälle beziehen. Abgesehen davon machen wir Eltern uns Sorgen über die tolerierte Form der KinderDurchseuchung, die da gerade passiert. Und das bekommen auch die Kinder mit. Viele von ihnen entwickeln gerade Ängste.

Schule gibt im Augenblick weder Struktur noch Stabilität. Und deshalb, liebe Frau Stark-Watzinger, ist Schule in Präsenz derzeit NICHT die beste und gerechteste Form der Bildung.

Nicht falsch verstehen: Ich fand den Wechselunterricht seinerzeit schwierig und der Distanzunterricht hat mich und meinen Mann an den Rand der Belastungsgrenze gebracht (also noch weiter an den Rand als aktuell). Aber wir haben es irgendwie hinbekommen. Das gilt für andere Familien nicht. Ich weiß sehr wohl um die Familien, für deren Kinder das Lernen zu Hause eine einzige Zumutung ist. Oft fehlt es nicht nur am Platz sondern auch an der nötigen Technik. Auch hier hat die Politik fröhlich vor sich hin gedödelt. In Sachen Digitalisierung des Bildungssektors ist herzlich wenig passiert in den letzten zwei Jahren.

Meine Vermutung: Die Schulen bleiben deshalb offen, weil es keinen Plan B gibt. Dabei sind sie schon längst nicht mehr sicher!


Fun Fact am Rande: Der Bundestag bleibt übrigens nicht offen. Hier wurde gerade für den 15. Februar die Präsenzpflicht ausgesetzt..


Expertenvorschlag: Infektions- und Kinderschutz gemeinsam beachten

Im Deutschland-Funk habe ich heute morgen ein Interview mit der Virologin und Epidemiologin Jana Schröder gehört. Sie sagt: „Low risk is´nt no risk!“ Und ergänzt dass die vorhandenen Schutzkonzepte für Kinder bei den hohen Inzidenzen einfach nicht mehr ausreichen. Mit dieser Ansicht steht sie nicht alleine da. Mit Kollegen aus Medizin, Virologie und Kinderpsychologie hat sie ein interdisziplinäres Positionspapier vorgelegt, das inzwischen auch dem Expertenrat der Bundesregierung vorliegt. Die Kernaussage: Infektions- und Kinderschutz müssen gemeinsam beachtet werden.

Ich habe mal reingeschaut in das Papier.

Die Experten fordern unter anderem, den bestmöglichen Schutz von Kindern und Jugendlichen vor einer Covid-19-Infektion, effizient durchgeführte, niederschwellig angebotene Impfungen für Kinder und das Ende des Kontrollverlusts für Kinder und Familien durch kohärente Kommunikation.

Ja. Kann ich voll unterschreiben und sehe ich genauso! Ich habe keine Kontrolle mehr. Alles, was im Rahmen meiner Möglichkeiten liegt (Kinder impfen lassen, mit FFP 2 Masken zur Schule schicken, Petition „Durchseuchung stoppen“ unterschrieben) habe ich ausgeschöpft. Vor einer Infektion geschützt sind meine Kinder trotzdem nicht in der Schule und in der Kita. Und die Politik ist ganz einfach unehrlich. Sie verschweigt diesen Fakt. Und verspielt damit Vertrauen! Ich kann nur noch hoffen, dass meine Familie einigermaßen unbeschadet durch diese Phase der Pandemie kommt.

Mutter von Vieren und brennt als solche für Familienthemen, schreibt gern, arbeitet im Online-Marketing, ist Multitasking-geübt, mag Sci-Fi, hasst Rosenkohl, ist beim FamilienHaus Unterföhring e.V. für den Bereich Presse zuständig, aufgewachsen in Nordhessen, beheimatet im schönen Unterföhring in Bayern.

3 Kommentare

  • Juli Lia Stern

    Liebe Frau Mey,

    ich verstehe (auch als Mutter) Ihre Sorgen gut, so wie die vieler anderer Menschen in dieser Pandemie, darunter nicht nur Eltern. Ich habe mit vielen mir sinnwidrig erscheinenden Maßnahmen, Regelungen und vor allem auch nicht funktionierenden und uneinheitlichen Regelungen und Verfahrensweisen auch meine liebe Mühe (angefangen damit, dass für geboosterte Kontaktpersonen zu Infizierten keine Testpflicht besteht). Mir ist klar, dass es „richtig“ nicht gibt und trotzdem fällt auch mir vieles schwer zu verstehen. Und dennoch: Es ist und bleibt ein Fakt, dass wir bereits jetzt soo viele Kinder und Jugendliche abgehängt haben, durch Isolation, Nicht-Teilhabe etc. Was wollen wir diesen und weiteren Kindern noch zumuten?

    Ähnlich wie langjährigen politischen Entscheidungsprozessen (m.E. weit mehr als den nicht gegen Sars-Cov2 geimpften Menschen) vorzuwerfen ist, dass wir ein überlastetes Gesundheitssystem und eine bedenkliche Situation in der Pflege haben, liegt auch im Bildungsbereich, speziell in der Schule, ein jahrzehntelanges strukturelles Versagen zugrunde. Ich fürchte, das lässt sich nicht mal schnell in so einer Pandemie grundlegend ändern. Und trotzdem bin auch ich hier immer wieder fassungslos über den fehlenden „Plan B“.

    Aber was ist die Alternative in der jetzigen Situation? Wir schotten unsere Kinder weiter ab? Wir verzweifeln und entkräften uns allmählich bis zur Erschöpfung im Spagat zwischen Homeschooling, Homeoffice und der Sorge um die psychischo-soziale Verfassung und Entwicklung unserer Kinder? Sie schreiben, die Kinder bekommen die Ängste der Erwachsenen langsam auch mit und übernehmen sie… Wäre es da nicht umso wichtiger, ihnen ein bisschen Zuversicht und so viel „Normalität“ wie möglich zu vermitteln. Nicht um jeden Preis, aber aus meiner Sicht, geht eben auch umgekehrt nicht „Schutz um jeden Preis“. Ich bin für unbedingten Schutz unserer Kinder, aber im richtigen Verhältnis zu ihrem Seelenwohl. Und da sehe ich uns in dieser Pandemie allmählich an einem Punkt, an dem wir unseren Kindern auch mal wieder mit auf den Weg geben sollten, dass das Leben nicht nur aus Angst besteht. Ich möchte nichts verharmlosen und natürlich sollten wir mit Sinn und Verstand handeln. Aber wir blenden beim vermeintlichen „Schutz“-Gedanken oft aus, in welche Gefahr wir unsere Kinder in anderen Bereichen damit bringen können – wie eben im psychosozialen. Und beispielsweise sind FFP2-Masken nach allem, was ich erfahre und gelesen habe, alles andere als gesund für unsere Kinder (insbesondere über längere Zeiträume). Die Stiftung Warentest hat das gerade nochmal bestätigt – der Atemwiderstand ist viel zu hoch bei dieser Maskenart für Kinderlungen. Arbeitsschutzgesetze schreiben bei gesunden Erwachsenen ohne Vorerkrankungen(!) eine maximale FFP2-Masken-Tragezeit von 75 Minuten vor, danach sind mindestens 35 Minuten Pause vorgeschrieben. Was muten wir unseren Kindern da über einen so langen Zeitraum zu? Luftfilteranlagen und innovative Unterrichtskonzepte in Schulen hingegen werden weitgehend abgelehnt (da bin ich ja ganz bei Ihnen was fragwürdige schulische Nicht-Investitionen betrifft). Momentan infizieren sich tatsächlich auch und gerade Kinder „am laufenden Band“, auch in unserem Umfeld. Aber bis auf die Tatsache, dass sie dann in Quarantäne geschickt werden, kann ich bislang – gerade bei den aktuellen Omikron-Infektionen – nicht von einem einzigen Kind berichten, das nennenswert eingeschränkt gewesen wäre. Fast niemand (in unserem Schulumfeld und Freundeskreis) ist überhaupt erkrankt, geschweige denn schwer. Das ist natürlich nicht repräsentativ und ich möchte ganz bestimmt nicht übergehen oder ignorieren, dass es Ausnahmen gibt. Aber die gab es traurigerweise doch schon immer, oder nicht? Ich kann zur Zeit keine Anzeichen erkennen, dass sich hier ein absolutes Risiko erhöht hätte. Ich kann natürlich auch nichts mit Gewissheit sage, aber ich finde bislang die sekundären Folgen der Pandemie für Kinder in der Folge doch weitaus schlimmer, als die Erkrankungen selbst – zumindest bei der aktuellen Omikron-Variante. Ich möchte einfach ein Plädoyer dafür abgeben, dass wir nicht nur noch angsterfüllt auf die Situation und unsere Kinder schauen – auch wenn auch ich nicht angsfrei bin. Ich bin davon überzeugt, dass es für unsere Kinder und unsere Gesellschaft essentiell ist, auch wieder ein Stück weit Vertrauen in das Leben zu finden.

    • Julia Mey

      Liebe Frau Stern,
      vielen Dank für Ihr Statement dazu! Sie haben recht. Schutz um jeden Preis kann nicht das Ziel sein. Für mich ist es jeden Tag eine Sache des Abwägens. Was ist okay (die Fahrradtour meiner Tochter mit einer Freundin) und was nicht (die Idee einer Übernachtungsparty mit Freunden meines Sohnes). Ich versuche auch, meinen Kindern soviel Normalität wie möglich zu bieten. Die letzten 2 Jahre haben sie ein Stück weit zusammengeschweißt – um dem Ganzen auch mal etwas Positives abzugewinnen. Ich habe und hatte in der Pandemie allerdings nie das Gefühl, dass den Bedürfnissen von Kindern und Familien viel Bedeutung beigemessen wird. Für sie gibt es immer nur Notlösungen. Das ist es, was mich so zermürbt.
      Viele Grüße und bleiben Sie gesund.
      Julia
      PS: Vielen Dank für den Hinweis zu den FFP-2-Masken. Das werde ich mir anschauen.

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