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Die Wut die bleibt – Warum Mama nicht ausfallen darf

Der heutige Post ist sehr privat. Darüber habe ich länger nachgedacht, ob ich das von mir preisgeben möchte. Dann sprang mich das aktuelle Buch von Mareike Fallwickl in der Buchhandlung an. Und ich muss davon einfach berichten und das geht nur, wenn ich meinen eigenen Bezug dazu öffentlich mache.

Seit zwei Wochen gehe ich ambulant in eine Tagesklinik. Ich leide an einer fiesen, chronischen Schmerzerkrankung. Sie heißt Fibromyalgie. Sie ist gemein, unerbittlich, traurig, heftig, emotional, nach außen unsichtbar und vor allem: schmerzhaft. Der Tagesklinik-Aufenthalt tut mir extrem gut. Ich lerne jeden Tag etwas dazu und entwickle mehr und mehr Strategien, um mit meinen Schmerzen umzugehen. Eine wichtige Aufgabe ist, jeden Tag bewusst zu erleben und mir gute Momente und Pausen im Alltag zu verschaffen. In der Buchhandlung sprang mich dann „Die Wut die bleibt“ an. Ich habe es gekauft um mir etwas Gutes zu tun und das Buch hat mich völlig mitgerissen und mir meine eigene Geschichte und meine Wut vor Augen geführt.

Triggerwarnung: Suizid, sexuelle Gewalt und viel Wut!

Eine wichtige Triggerwarnung vorneweg: das Buch ist nichts für schwache Nerven oder Mütter mit akuter Erschöpfung. Es thematisiert Suizid und sexualisierte Gewalt. Wen das triggert, der sollte es nicht lesen. Denn es ist eine heftige emotionale Achterbahnfahrt. Der Roman macht wütend, wenn ihr das nicht eigentlich längst seid. Man leidet mit den Figuren mit, empfindet gleichzeitig Mitleid, Widerwillen und Zustimmung. Für mich eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Familien im Lockdown

Was für ein Sog und was für ein krasses und aktuelles Thema. Eine Mutter am Rande der Verzweiflung in Zeiten des Lockdowns. Die Mutter entflieht ihrer völligen Überlastung und nimmt sich das Leben direkt auf Seite eins. Damit startet die Geschichte. Und man ist sofort drin in der ganzen Tragik und Unfassbarkeit die Müttern im Lockdown zugemutet wurde. Mareike Fallwickl gelingt es auf so hervorragende Weise die Problematik von Frauen in diesen Zeiten exakt auf den Punkt zu bringen. Sie beschreibt die Probleme und die Herausforderung vor der Familien stehen, wenn die Mutter schlichtweg ausfällt. Und wer die Rolle der fehlenden Mama einnimmt oder von wem es erwartet wird. Nicht der Schmerz, dass ein Mensch gestorben ist kommt hier zum Ausdruck sondern dass die Rolle der Mutter nicht besetzt wird. Wie austauschbar Frauen sind und wie groß die Erwartungshaltung der Gesellschaft, sich allem zu fügen. Nicht wütend zu sein, lieb und brav und nett. Pflichterfüllung eben. Und wie wenig Beachtung all die Aufgaben, die wir Mütter in Alltags-Struggle lösen müssen, finden.

Die Wut die bleibt oder Frauen sind nicht wütend

Das Thema Wut und nicht ausgelebte Wut zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Und auch als Leser:in selbst wird man wütender, je weiter die Geschichte voranschreitet. Unterdrückte Wut und ausgelebte Wut. Und: warum dürfen wir Frauen eigentlich nicht wütend sein? Warum ist Wut oftmals den Männern vorenthalten? Warum übernehmen wir Frauen ungefragt die Aufgaben anderer Frauen ohne sie zu hinterfragen? Ohne wütend zu werden? Bis zur eigenen Selbstaufgabe und völligen Erschöpfung? Warum werden so wenige Geschichten darüber erzählt, dass Frauen an ihren ihnen zugedachten Aufgaben kaputt gehen, darüber verzweifeln, sie überfordert sind, sich selbst verlieren und ja, sich eben wie in dieser Geschichte vor Erschöpfung und Wut umbringen? Offenbar bleibt das Thema leise, denn Frauen werden ja eben auch nicht wütend. Denn das steht Frauen nicht gut zu Gesicht. Frauen haben sich in ihr Schicksal zu fügen und lieb und brav und nett zu sein.

Zum Thema Frauen und Wut und unsere Sozialisation dazu möchte ich Euch gerne noch ein anderes Buch empfehlen. „Wut und Böse“ von Ciani-Sophia Höder. Höder thematisiert auch unseren abfälligen Umgang mit Sorgearbeit und die damit einhergehenden seelischen Problemen von Frauen.

Wenn die Mama ausfällt – was dann?

Bleibt die Frage, warum habe ich dazu konkret so einen persönlichen Bezug? Ich habe zwei schulpflichtige Kinder. Sie sind unter 12 Jahre alt und können sich demnach nicht alleine versorgen. Wie löst man dieses Problem wenn es der Mutter schlecht geht? Wenn die Mutter ausfällt? In meinem Fall wegen eines Klinikaufenthaltes? Klar, man könnte es sich ganz einfach mache und sagen: was ist mit dem Vater? Also hier: der Vater ist berufstätig. Selbstverständlich kann er sich kümmern. Und macht das auch. Und zwar unabhängig davon, ob ich krank ausfalle oder nicht. Er macht das nach besten Kräften. Dennoch kann er nicht eben mal vier Wochen Urlaub nehmen oder gar kurzfristig in Teilzeit arbeiten. Das ist ja auch eine finanzielle Frage. Und das darf es niemals sein. Gesundheit darf nicht vom Geldbeutel abhängen!

Haushaltshilfe über die Krankenkasse

Daher kann man sich bei der Krankenkasse für solche Fälle auch vorübergehend eine Hilfe im Haushalt genehmigen lassen. Meine Krankenkasse hat das getan. Und zwar sofort. Ohne Widersprüche. Als Selbstverständlichkeit. Eine gute Sache sollte man meinen. Wäre da nicht das Problem: wer soll es denn übernehmen? Bezahlt wird eine Kraft, die man über einen Wohlfahrtsverband vermittelt bekommt. Und hier wird es dann problematisch. Wenn niemand in der Kommune solche Kräfte vermittelt – was dann? Oder wie ich es nun selbst erlebe: in meiner Gemeinde wird nur an Senior:innen und Schwerbehinderte und nicht an Familien vermittelt (fragt nicht nach dem tieferen Sinn)? Außerdem bekam ich schnell zu hören: Lass es doch Deine Mutter machen oder frag eine Freundin. Die Ironie darin erkennt ihr bestimmt selbst. Wenn es meine Mutter machen könnte oder eine Freundin: Hätte ich dann die Krankenkasse angefragt? Wenn es die Mutter oder eine Freundin übernimmt, dann bekommt sie dafür auch Geld von der Krankenkasse. Ironischerweise aber natürlich sehr viel weniger als eine über den Wohlfahrtsverband vermittelte Kraft. Herzlich willkommen im Land der Geringschätzung von Carearbeit.

Ich stelle mir nun vor, wie machen das Mütter mit Frühchen, die noch für längere Zeit in der Klinik bleiben müssen? Frauen, die in ihrer Schwangerschaft liegen müssen und die noch kleine Kinder haben? Frauen, die schwer erkrankt sind? Für all diese Fälle bekommen sie dann nur erschwert jemanden vermittelt (haben allerdings auch gar keine Kraft sich auf die Suche nach der Nadel im Heuhaufen zu machen) oder bekommen schlichtweg niemanden so wie es nun bei mir der Fall ist. Die Genehmigung einer Haushaltshilfe für den Zeitraum von vier Wochen habe ich also nur in der Theorie.

Mein Carearbeit-Problem bleibt ungelöst

Ich möchte hier nicht jammern oder mich beschweren. Mir geht es „nur“ körperlich schlecht und ich bin seelisch gesund. Ich springe nicht, wie die Mutter im Buch vom Balkon. Ich habe mein Carearbeit-Problem nicht lösen können. Meine Kinder müssen einfach vier Wochen Chaos aushalten. So steht der Wäscheberg halt da, bis ich in vier Wochen wieder da bin (und ich mich dann entspannt wieder in die Verspannung arbeiten kann), die Kinder machen ihre Hausaufgaben alleine und wir essen häufiger bestelltes Essen (was sich auch wieder nicht jede:r leisten kann). Das bringt uns als Familie nicht um, zeigt aber auf, welchen Stellenwert wir dem Thema Sorgearbeit beimessen und wie wenig Gehör diese Probleme von Familien in unserer Gesellschaft finden.

Daran muss sich unbedingt etwas ändern. Sorgearbeit muss dringend aufgewertet werden. Und das nicht nur zum jährlichen Equal Care Day. Ich möchte mit meinem Post den Finger in die Wunde legen und hoffe, es rüttelt ein wenig wach. Schaut auf die Mütter, wenn sie alle auf einmal ausfallen würden, wäre unsere Gesellschaft am Ende. Vermittelt Euren Söhnen, dass es nicht Aufgabe der Frauen ist, für die Gesellschaft und die Familie zu sorgen. Eine Aufgabe, in die man nicht qua Geschlecht geboren wird. Und vermittelt Euren Töchtern, dass sie aufstehen dürfen, laut protestieren und ihre eigenen Bedürfnisse zeigen müssen. Und seid wütend! Und laut! Nur so, werden wir daran etwas ändern.

- aka Madame Schärnée - lebt mit Monsieur Schärnée und zwei Töchtern im schönen Landkreis München - hoffnungslose Weltverbesserin und bekennende Feministin - hat ein großes Herz für Familien und setzt sich gerne für sie ein - redet ihr Gegenüber gerne in Grund und Boden und führt endlose Diskussionen über Kommunalpolitik und Politik im Allgemeinen - glaubt an das Gute im Menschen - Herzensprojekt: das Familienzentrum FamilienHaus Unterföhring e.V. - lernt durch ihr ehrenamtliches Engagement und den Blog viel über sich selbst und das Leben

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