Familienalltag,  Gleichstellung

Muttertag an jedem Tag!

In ein paar Tagen ist Muttertag. Das ist die Zeit, in der meine Kinder (zumindest die Jüngeren) geheimniskrämerisch in ihre Zimmer verschwinden, des Öfteren nach Schere, Kleber und Glitzerstiften fragen und ständig „Nicht gucken!“ schreien, wenn ich in der Nähe bin. Das ist herzerwärmend. Und ich freue mich auch immer über ihre liebevoll gebastelten und gemalten Kunstwerke.

Liebesbeweise von Kindern am Muttertag sind absolut in Ordnung. Pralinenschachteln von Ehemännern oder anderen Anverwandten dagegen nicht. Komplett überflüssig ist meiner Meinung nach auch der ganze Kommerz, der sich um diesen Tag entsponnen hat. Teures Naschwerk und opulente Blumensträuße? Pullis zum Schäppchenpreis im Muttertags-Sale? Muss nicht sein, finde ich. Und Pizza in Herzform (gerade bei Lidl im Angebot) schon gar nicht!

Wo kommt der Muttertag eigentlich her?

Ihr seht schon, Muttertag ist nicht zu 100% mein Fall. Und Tanja sieht ihn sogar noch kritischer als ich. Um unserem Unbehagen auf den Grund zu gehen, habe ich recherchiert. Um herauszufinden, wo der Muttertag eigentlich herkommt und wie er sich entwickelt hat.

Begründerin dieses Tages war die Amerikanerin Anna Marie Jarvis, eine frühe Feministin. Sie veranstaltete 1907 den ersten Muttertag zu Ehren ihrer eigenen Mutter. Diese hatte sich, wie Jarvis selbst, für die Rechte von Frauen – besonders für die Rechte von Müttern eingesetzt. Zunächst wurde der Muttertag in den Vereinigten Staaten eingeführt, mit dem ersten Weltkrieg wurde er schließlich international. Die Nazis pervertierten die Idee hinter dem Tag, erklärten ihn zum offiziellen Feiertag und ehrten besonders kinderreiche Mütter mit dem Mütterkreuz.

In den kommenden Jahrzehnten feierte man am 8. Mai die treusorgende Frau, die sich aufopfernd um ihre Familie kümmerte. Und dabei ist es irgendwie geblieben. Die Recherche hat sich gelohnt. Jetzt weiß ich, woher mein Unbehagen rührt. Der Muttertag ist ein einziger Anachronismus. Ein aus der Zeit gefallener Feiertag, der umso grotesker wirkt, je weiter sich die Schere zu den übrigen 364 Tagen auftut. „Hier, ein Blumenstrauß für Dich, liebe Angetraute. Und zur Feier des Tages machen die Kinder und ich den Abwasch!“ Und am nächsten Tag heißt es wieder Corona Test um 6, Frühstücksbrote schmieren um 7, um 8 schnell duschen, um 9 aus dem Homeoffice ins Meeting einwählen, mittags ein trockenes Sandwich verdrücken, um 15 Uhr mit den Kids zum Zahnarzt und um 18 Uhr noch Mathehausaufgaben kontrollieren.

*der oben aufgeführte Beispiel-Gatte ist Gott sei Dank nicht meiner. Und der Tagesablauf nur in Teilen ;-).

10 Dinge, die Mütter WIRKLICH brauchen

Tanjas und mein Fazit, nachdem wir jetzt wissen, wie der Muttertag entstanden ist: Wir nehmen die Blumen. Und die Pralinen, die Pullis und die Herzchen-Pizza auch. Aber nur, wenn sich dafür an den übrigen 364 Tagen des Jahres die folgenden 10 Dinge ändern!

  • Wir Mütter wollen Zeit für uns. Dieser Wunsch geht einher mit weniger Mental Load. Zeit kommt im Familienalltag immer zu kurz. Richtige Auszeiten, in denen man tatsächlich einfach mal NICHTS tut, außer vielleicht ein gutes Buch zu lesen, können wir uns viel zu selten nehmen.
  • Wir freuen uns über mehr Anerkennung und Wertschätzung seitens der Gesellschaft. Muttersein ist nichts, was man „mal eben so nebenher am Nachmittag macht“.
  • Partner, die mit anpacken wünschen wir uns ebenfalls für alle Mütter. Und damit meinen wir tatsächlich gleichberechtigte Partner und keine gelegentlichen „Helfer“.
  • Familienfreundliche Arbeitgeber. Wir finden, dass es hiervon zu wenige gibt und dass auch bei denen, die sich „familienfreundlich“ auf die Fahnen schreiben, noch viel Luft nach oben ist. Vor der Kernarbeitszeit regelmäßige Update-Meetings einplanen? Gaaaanz blöde Idee! Da muss Frau (oder Mann) sich dann nämlich auf dem Weg zum Kindergarten dazuschalten.
  • Bezahlte Care-Arbeit wäre großartig. Sie ist nämlich wertvoll. Ein Adjektiv, das sehr deutlich macht, dass sich der Wert von Care-Arbeit auch in Barem widerspiegeln sollte.
  • Wir meinen, Mütter brauchen ein neues Selbstverständnis. Das Rollenbild unserer eigenen Mütter ist überholt.
  • Wir wünschen uns die Möglichkeit, über Fragen wie der nach dem Selbstverständnis reflektieren zu können. Über uns, über unsere Familien, über die Erziehung unserer Kinder, über die Vorbild-Funktion, die wir ihnen gegenüber haben und ob wir die 10-armige Krake, die wir an vielen Tagen sind, überhaupt sein wollen.
  • Um kurz beim Kraken-Bild zu bleiben: Wenn wir so im Stress sind, dass wir nicht mehr reflektieren können, stellen wir zu spät fest, dass wir einen „Kipp-Punkt“ erreicht haben. Das Resultat ist völlige Erschöpfung bis hin zum Burnout.
  • Wir Mütter wollen Schwäche zeigen dürfen. Das Hauptbild zeigt eine Tasse mit Super-Mama-Schriftzug. Vielleicht wollen wir gar keine Super-Mütter sein, sondern nur gute Mütter! Mal abgesehen davon, dass wir zwar stark sind, aber noch lange keine Superkräfte haben. Wir können kaputt gehen!
  • Last but not least wünschen wir uns mehr Verständnis füreinander. Mütter haben sehr gegensätzliche Lebensentwürfe. Das muss okay sein. Wichtig ist, dass wir miteinander in Kontakt bleiben.

Tanja hat zum Schluss noch eine besonders revolutionäre Idee: Warum nicht einen Elterntag aus dem Muttertag machen? Oder gleich einen Tag der Care-Arbeit? Mal sehen, ob wir für diese Idee Mitstreiter finden.

Mutter von Vieren und brennt als solche für Familienthemen, schreibt gern, arbeitet im Online-Marketing, ist Multitasking-geübt, mag Sci-Fi, hasst Rosenkohl, ist beim FamilienHaus Unterföhring e.V. für den Bereich Presse zuständig, aufgewachsen in Nordhessen, beheimatet im schönen Unterföhring in Bayern.

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